Erzdiözese München und Freising
Fachbereich Weltanschauungsfragen
Informationen zu Geistlichem Missbrauch

Die Würde des Menschen ist unantastbar. 

Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.

Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Die Freiheit der Person ist unverletzlich. 

Leitsätze aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

 

 

Seit einiger Zeit wird häufig das Schlagwort „geistlicher Missbrauch“ verwendet, wenn es darum geht, verletzende Verhaltensweisen und inhumane Strukturen in religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaften zu beschreiben. Eine eindeutige Definition gibt es allerdings nicht. Vielmehr handelt es sich um einen so genannten Containerbegriff: je nach Sichtweise werden darunter mal mehr mal weniger eindeutige Fehlentwicklungen und problematische Verhaltensweisen verstanden. Die nachfolgenden Gedanken und weiterführenden Hinweise entstanden in der theologischen Auseinandersetzung und aus der Erfahrung jahrelanger Beratungstätigkeit. Sie mögen zur inhaltlichen Orientierung beitragen, präventive Maßnahmen fördern sowie bei der konkreten Aufarbeitung helfen.

In einem ist man sich immer einig: Geistlicher Missbrauch muss unter allen Umständen beseitigt werden, Strukturen will man verbessern und Verantwortliche müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn es dann allerdings konkret wird, wenn Forderungen erhoben und Konsequenzen angemahnt werden, wenn die eigenen Vorteile und (Macht)Strukturen zu schwinden drohen, lässt der Wille zur Veränderung deutlich nach.

Zurück bleiben oftmals die Betroffenen, also die Menschen,

  • die „Opfer“ geworden sind von unmenschlichen Strukturen und menschlich – allzumenschlichem Fehlverhalten, 
  • die sich als „Aussteiger“ fühlen, fremd in einer unbekannten und unbegreiflichen Welt, 
  • oder die als Ex-Mitglieder herausgeworfen wurden und nun einsam und orientierungslos verzweifeln, 
  • die traumatisiert mit körperlichen und seelischen Narben um eine neue Balance im Leben kämpfen.

Wolke_geistlicher_Missbrauch

Zur Begrifflichkeit

Wenn von geistlichem Missbrauch die Rede ist, geht es meist um eine Art Machtmissbrauch im religiös-weltanschaulichen Bereich. Unter Ausnutzung einer geistlich-religiös begründeten Sonderrolle, durch „über-natürliche“ und vermeintlich „göttliche“ Begründung oder im Windschatten meist strenger hierarchischer Strukturen werden Einzelne wie ganze Gemeinschaften dazu verführt, eigene berechtigte Interessen zu vernachlässigen oder sogar ganz aufzugeben. Ähnlich wie beim sexuellen Missbrauch (vgl. https://www.weltanschauungsfragen.de/7), bei dem Betroffene leider noch viel zu oft um Anerkennung ringen müssen, werden die Folgen der psychisch-emotionalen Verletzungen oft unterschätzt, vielleicht auch, weil beim geistlichen Missbrauch (noch) keine Taten vorgekommen sind, die gegen die sexuelle Selbstbestimmung verstoßen. Die Grenzen in diesem Bereich sind jedoch fließend und manche sexuelle Handlung erweist sich im Nachhinein als besonders heimtückische Ausnutzung einer geistlich-religiösen Abhängigkeit. Betroffene verlieren oft nicht nur den eigenen Glauben, sondern grundsätzlicher die Fähigkeit, sich und anderen Menschen zu vertrauen.

Durch den ideologischen Überbau erfährt der geistliche Missbrauch eine einschneidende und existentielle Wirkung: Zweifel sind in der religiösen Logik Sünde, die nicht sein dürfen. Gesundes Misstrauen wird als Einflüsterungen des Bösen abgewehrt. Berechtigter Widerstand wird im vorauseilenden Gehorsam mit noch größerer Demut und devoterem Verhalten freiwillig innerlich gebrochen. Kritik an der Hierarchie (der Begriff kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie „Heilige Ordnung“ oder „Heilige Führung“) kommt im Denken oft überhaupt nicht vor, weil das, „was Gott gegeben hat“, was im „Namen des Herrn“ geschieht, nicht in Zweifel gezogen wird. Je dogmatischer man an der geglaubten Wahrheit festhält, desto schärfer grenzt man sich von allem anderen ab.

Paart sich dieser Dualismus mit einem exklusiven Verständnis, weiß man nicht nur jederzeit, was richtig und falsch, was gut oder böse ist, sondern ist sich zugleich automatisch sicher, auf der richtigen und guten Seite zu stehen. Die Wahrheit hat man nicht nur rational erkannt sondern mehr noch: man lebt in ihr! Jeder Zweifel wäre daher Glaubenszweifel, den es zu bekämpfen gilt. Jede noch so kleine Kritik könnte das persönliche Selbstbild ankratzen und die bisherige Lebensführung in Frage stellen. Um diese Gefahren zu verhindern, wehrt man lieber alle Zweifel und jede Kritik ab, das heißt, man lässt sie einfach nicht zu: sie sind nicht existent!

Recht und Gesetz

Anders als beim sexuellen Missbrauch, der zumindest gesetzlich klar geregelt ist (vgl. vor allem §§ 174 ff. StGB und hier) und wo die Taten in der Gesellschaft weitestgehend geächtet sind, fehlt es beim „geistlichen Missbrauch“ an juristischer Eindeutigkeit. Doch obwohl es eine rechtliche Grauzone geben mag, sollte eine intensive Prüfung nicht vernachlässigt werden. Manche Übergriffe erfüllen zum Beispiel den Straftatbestand der Nötigung (vgl. § 240 StGB), der Bedrohung (vgl. § 241 StGB) oder der üblen Nachrede (§ 186 StGB). In anderen Fällen könnte auch eine Art des Stalkings (vgl. § 238 StGB) oder sogar der Freiheitsberaubung (vgl. § 239 StGB) vorliegen. Ferner sind Fälle bekannt geworden, bei denen die Frage nach der Kindeswohlgefährdung (vgl. § 1666 BGB) angezeigt ist. Auch an Mobbing ist zu denken, das zwar rechtlich nicht eindeutig geregelt ist, aber wofür es spezielle Beratungs- und Hilfsangebote gibt. Was die Vermögens- und Finanzfragen betrifft, ist sowieso genauer hinzuschauen und zu prüfen, ob eine Form des Betruges (vgl. §§ 263 ff. StGB) vorliegen könnte, etwa wenn zustehende Leistungen unberechtigterweise verweigert werden. Schließlich gibt es noch kirchenrechtliche Bestimmungen (für die Katholische Kirche etwa der Codex Iuris Canonici), die von Relevanz sein könnten.
Rechtlich lassen sich die meisten Taten nur schwer greifen und Täter verschwinden
oft in einem Geflecht von Strukturen und persönlicher Verantwortung. Übrig bleibt die moralische Entrüstung und vollmundige Versprechen, dass so etwas nie wieder passieren darf. Die Geschichte und menschliche Schwächen lehren uns allerdings das Gegenteil: Kritische Aufarbeitung, rechtliche Würdigung und Prävention sind daher notwendende Verpflichtung und fortdauernde Mahnung! 

„Geistlicher Missbrauch ein Sammelbegriff (…) für verschiedene Formen emotionalen und /oder Machtmissbrauchs im Kontext des geistlichen, religiösen Lebens, vor allem in Formen der Begleitung (Beichte, „Seelenführung“, geistliche Begleitung…) und in Gemeinschaften und Gemeinden.“      Sr. Katharina Kluitmann

 

Niemand kann sich freisprechen

Wenn in letzter Zeit von geistlichem Missbrauch die Rede ist, dann handelt es sich bei den beschriebenen Problemen letztlich um bekannte Phänomene, die in verschiedenen Erscheinungsformen schon so lange existieren, wie es Menschen gibt: Immer dort, wo sich Menschen im Namen von Glaube und Religion zusammenschließen, immer dann, wenn eine Weltanschauung oder (politische) Ideologie Menschen zu Gläubigen und Anhängern fester zusammenführt, besteht die Gefahr, dass Menschen z.B. durch Machtmissbrauch und Fehlverhalten um ihre Rechte und Freiheiten gebracht werden.

Keine Religion oder Konfession, keine Kirche oder Gemeinschaft kann sich von der Gefahr freisprechen, mögen die Grundlagen des Glaubens noch so gut gemeint und ethisch einwandfrei sein. Organisationen mit all ihren Mitgliedern und Verantwortlichen haben daher stets wachsam zu sein! So sind die eigenen Strukturen immer wieder aufs Neue daraufhin zu prüfen, wieweit sie für wesensfremde Zwecke missbraucht werden können. Alle Mitglieder einer Gemeinschaft sind zur Mitwirkung aufgefordert und berufen, damit nicht Glaube und Religion pervertiert werden durch unwürdige oder menschenverachtende Handlungen.
Eine besondere Verantwortung kommt selbstverständlich den Entscheidungsträgern zu, die Verfahrensweisen einrichten müssen, damit Kritik und jede Anzeige von problematischem Verhalten angezeigt und geprüft werden kann. Jede Organisation hat Anlaufstellen einzurichten und konkrete Hilfe anzubieten, egal wie groß oder klein die Gemeinschaft ist.

„Geistlicher Missbrauch ist die Einschränkung oder Verletzung der spirituellen Autonomie der begleitenden Person durch Vernachlässigung, Manipulation, direkte Gewalt/Zwang mit dem Ergebnis der spirituellen Unfreiheit und Verwundbarkeit der begleiteten Person.“      Doris Reisinger (Wagner)

In Forschung und Literatur finden sich schon lange Begriffe wie „psychische Gewalt“, „emotionaler Missbrauch“, "spiritueller Missbrauch", „seelische Gewalt“ oder „seelische Verletzung“ zur Umschreibung übergriffiger Verhaltensweisen und fragwürdiger Strukturen. Jeder dieser Begriffe legt sein Hauptaugenmerk auf einen anderen Gesichtspunkt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die spirituelle und ideologische Dimension hervorheben und deutlich machen, dass alle Formen des Missbrauchs im religiös-weltanschaulichen Kontext geeignet sind, tiefgreifende emotionale, psychische, geistliche und körperliche Verletzungen hervorzurufen. Diese Auswirkungen zu unterschätzen, etwa weil es keine sexuelle Übergriffe gibt, ist fahrlässig und verkennt Bedeutung und Wirkmacht von Religion und Glaube.

Geistlicher Missbrauch kann lebenszerstörende Auswirkungen haben. Menschen, die massiven Machtmissbrauch und psychische Übergriffe erlitten haben, müssen ein Leben lang mit den Folgen leben. Sie können Traumafolgestörungen entwickeln, können mit finanziellen Probleme kämpfen und werden vielleicht immer darunter leiden, um eigene Chancen und Möglichkeiten betrogen worden zu sein. Je länger die Zeit andauerte und je intensiver die Abhängigkeit war, je mehr die Ideologie Freiheit und Würde des Einzelnen ignorierte, desto desaströser können die Auswirkungen sein - ein Leben lang.
Es ist an der Zeit, endlich die Brisanz dieser Übergriffe anzuerkennen, in dem man die Mechanismen verstehen lernt, Missstände beseitigt und vor allem den Betroffenen zuhört und hilft!

Axel Seegers