Erzdiözese München und Freising
Fachbereich Weltanschauungsfragen
Informationen zu Geistlichem Missbrauch

Übungen zur Prävention und zur Sensibilisierung 

Spiritueller Machtmissbrauch - ein starker Begriff. Jeder lehnt Machtmissbrauch ab. Niemand möchte Religion und Spiritualität missbraucht wissen für fragwürdige Methoden und egoistische Ziele. Ausgeklügelte Definitionen und machtsensible Strukturen sind zwar wichtig und richtig. Um jedoch ein tiefgreifendes Verständnis zu bekommen für das, was man unter "Spirituellem Machtmissbrauch" versteht, helfen treffende Definitionen und gute Strukturen nur bedingt weiter.

Übungen können helfen, sich in strukturelle, theologische oder psycho-soziale Zusammenhänge hineinzuversetzen. Erst wenn die Theorie praktisch wird, kann man ein echtes Gespür entwickeln, wann, wie bzw. wo Grenzen verletzt werden.

Die nachfolgenden Übungen sind Vorschläge und Anregungen für eine nicht bloß rationale oder formale Auseinandersetzung mit der Thematik.


Bewusste Manipulation und sinnentstellende Interpretationen

Bibelstellen, Gebete, Lieder, Sprüche - eigentlich alle Texte und Lieder, die in einer religiösen Gemeinschaft, in Seelsorge und Theologie vorkommen, können so interpretiert und eingesetzt werden, so pervertiert werden, dass sie zur Manipulation missbraucht werden können.

ÜBUNG 1: Bibelstellen deuten und umdeuten

Wählen Sie eine Bibelstelle, beachten Sie nicht den Kontext und vergessen Sie alles, was Sie womöglich bisher mit der Bibelstelle verbinden. Versuchen Sie stattdessen den Text so zu "pervertieren", dass er zur Untermauerung egoistischer Absichten und zur Durchsetzung eigener (Macht)Ansprüche dient.

Beispiele zum Einstieg: Joh 21,18;   Apg 14,22;   Mt 20,22;  Psalm 73

ÜBUNG 1 a) Suchen Sie weitere "geeignete" Bibelstellen 

Sprache prägt das Bewusstsein 

Unsere Sprache prägt unser Denken und Fühlen. Einzelne Begriffe, Redewendungen, aber auch bewusste und unbewusste Perspektiven, die wir beim Sprechen automatisch einnehmen, haben wesentlichen Einfluss auf unsere Sicht der Dinge. Nicht immer sind uns diese Wertungen bewusst, aber sie wirken dennoch. In den letzten Jahren hat zwar die gesellschaftliche Sensibilisierung für den Zusammenhang zwischen Sprache und Bewusstsein zugenommen, doch drohen manche Einsichten durch politische und ideologische Kämpfe aus dem Blick zu geraten. Eine Sensibilisierung für diese Zusammenhänge darf deshalb nicht unterbleiben.

ÜBUNG 2: Gebete und Lieder prägen Glaube und Spiritualität

Nehmen Sie Gebetstexte und Lieder (zum Beispiel aus einem Gesang- oder Gebetbuch) und prüfen Sie, welche Vorstellungen mit den Liedern und Texten vermittelt werden:

Hilfreiche Fragen: Welches Gottesbild steht hinter den Texten? Wie wird das Verhältnis Gott - Mensch beschrieben? Welches Verhalten wird als vorbildlich beschrieben? Wie wird menschliches Können bewertet? Welches Gesellschaftsbild wird vermittelt? Welche Vortellungen kommen nicht vor? Welche Werte werden vermittelt und welche Werte werden überhaupt nicht genannt?

einige Stichworte: Arme Sünder, Höllental, Allmacht, Allwissenheit, "säkulare" Welt, Dualismus, Sünde, Endgericht, Leidenschaft, Mäßigung, Freiheit, ...

Wichtig: es geht darum, sensibel für die Worte und Formulierungen zu werden, die wir benutzen und die uns ganz normal und gewöhnlich erscheinen. Ob sie problematisch oder korrekturbedürftig sind, ist eine unabhängige Frage.


"gefährliche" Begriffe in Theologie und Spiritualität
Religiöse Sprache unterscheidet sich meist sehr deutlich von der Alltagssprache. Gläubige gleich welcher Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft müssen sich mit einer mehr oder weniger eigenwilligen Sprache vertraut machen. Christen müssen oft erst die Fremdsprache "Liturgisch" erlernen, wollen sie den Gottesdiensten ihrer Gemeinschaft sinnvoll folgen und besser verstehen. Antiquierte Begriffe oder eine eher einseitige Häufung bestimmter Adjektive scheinen typisch für Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften zu sein.

Begriffe können durchaus sinnvoll sein und positiv verstanden werden. Manch spezielle Begriffe können aber sehr leicht einseitig dazu verwendet werden, Druck aufzubauen und Menschen mit anderer Meinung und abweichenden Bedürfnissen zu manipulieren.

Übung 3: gute und problematische Interpretationen

Überlegen Sie, welche Begriffe und Redewendungen Ihnen geläufig sind und wie man sie "richtig" verstehen sollte. Dann versuchen Sie die Begriffe so umzuinterpretieren, dass man dadurch andere Meinungen abwerten kann oder Gläubige unter Druck setzen kann.

Einige Beispiele: Gehorsam; Abtötung; Demut; Nachfolge; Ruf Gottes; Wille Gottes; Gnade; gnädig; Heiligung, Befreiung; Freiheit; Sünde; Erbsünde; Heiland; Seelenführer; Geistlicher Kampf; Seelenheil; Selbstgerechtigkeit; Erweckung; Heilsplan; Bekehrung; Guru; Hingabe;


Kunst und Architektur 

Nicht nur die Wortwahl, nicht nur "gefährliche" Begriffe oder einprägsame Liedtexte prägen unser Denken und Fühlen. Auch die Kunst prägt Glaubensinhalte sowie Glaubenspraxis. Bilder in Kirchen, Tempeln oder zu Hause an der Wand, Skulpturen und Wandmalereien, aber auch ganz allgemein die religiöse Architektur beeinflussen oft unbewusst aber folgenreich. Alte und wertvolle Kunstwerke haben ihren Platz und ihre Berechtigung. Dennoch erscheint es sinnvoll, sich auch kritisch mit den Darstellungen auseinanderzusetzen und sich zu vergegenwärtigen, welches Gottesbild, Menschenbild, welche Glaubensvorstellungen besonders betont werden.