Erzdiözese München und Freising
Fachbereich Weltanschauungsfragen
Informationen zu Geistlichem Missbrauch
Checkliste - Einführung Checkliste - Ordensgemeinschaften

Checkliste - Geistliche Bewegungen und Gemeinschaften

Checkliste Neue Geistliche Bewegungen und Gemeinschaften

Kurzeinführung: Was ist eine Neue Geistliche Bewegung

In allen Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften entstehen fortwährend neue geistliche Aufbrüche. Sie zeugen von einer Lebendigkeit des Glaubens und sind Beispiel, wie Gläubige sich ernsthaften mit der eigenen Religion und dem eigenen Glauben auseinandersetzen. Die Inhalte des Glaubens ändern sich dabei im Vergleich nur wenig, aber die Glaubenspraxis, also die Art und Weise, wie der Glaube im Hier und Heute gelebt werden kann, verändert sich. Gläubige suchen neue Wege, ihren Glauben zu leben und zu feiern, entdecken andere Zugänge, passen Rituale an oder setzen neue Schwerpunkte.

Meist sind es charismatische Gründerinnen und Gründer oder bedeutsame Ereignisse, die wie eine Initialzündung zur Entstehung von zunächst kleinen Bewegungen und Gruppen führen. Zu Beginn sind diese Bewegungen wenig institutionalisiert, d.h. vieles geschieht spontan, ohne feste Regeln oder Verfahren. Es ist die Euphorie des Anfangs, die mit wenigen Regularien für Aufmerksamkeit und weiteres Interesse sorgen. Im Gegensatz zur eher losen Struktur, sind diese Gruppen und Bewegungen jedoch nicht selten ideologisch radikal: Man grenzt sich mehr oder weniger stark ab vom Mainstream, den „normalen“ Gläubigen, den „Taufscheinchristen“, weil man aus der Freude der (Wieder)Entdeckung wichtiger theologischer oder spiritueller Impulse den Glauben und die Glaubensgemeinschaft in einem neuen Licht sieht (oder zu sehen meint).
So verwundert es nicht, wenn Anhänger*innen sich lebendig fühlen, bereit sind, über alle Maße Zeit und Kraft zu investieren. Aus dem Gefühl des „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde“ (so ein bekanntes Neues Geistliches Lied) entstehen Impulse, alles über Bord zu werfen und sich voll und ganz der neuen Sache zu verschreiben. Ein intensives Glaubensleben, dass zum Beispiel durch liturgische Impulse, alternativen Formen des Zusammenlebens oder von neuen Ritualen geprägt ist, kann genauso kennzeichnend sein wie missionarisch-evangelisierendes Handeln. Ziel ist bei allen Gemeinschaften nicht nur die Erneuerung des Glaubens allein der Mitglieder dieser Gemeinschaft, sondern der ganzen Kirche oder sogar der ganzen Welt. Für Außenstehende kann diese Entschiedenheit und Echtheit („Authentizität“) faszinierend und ansteckend wirken. Sie kann aber auch abschreckend sein und massive Abwehr hervorrufen, insbesondere wenn Radikalität und Exklusivismus ein Miteinander von Gemeinschaft und Pfarrei erschweren oder gar unmöglich machen.

In den christlichen Kirchen hat sich im Unterschied zu früheren charismatischen Aufbrüchen in den letzten Jahrzehnten der Begriff Neue Geistliche Bewegung (NGB) oder Neue Geistliche Gemeinschaft (NGG) durchgesetzt. In der katholischen Kirche ist auch der Begriff "Movimenti" (aus dem Italienischen für „Bewegung“) gebräuchlich.

Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils

In der katholischen Kirche darf das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) als wichtiger Impulsgeber für die Entstehung "Neue Geistlicher Gemeinschaften" in der Kirche angesehen werden, auch wenn es schon zuvor z.B. mit der Schönstatt-Bewegung eine erste, mittlerweile weltumspannende Geistliche Bewegung gab. Heute sind allein in Deutschland über 80 größere oder bedeutendere Gemeinschaften in der katholischen Kirche bekannt. Viele dieser geistlichen Gemeinschaften bestehen überwiegend aus Laien, werden aber von Priestern oder Ordensleuten begleitet (oder geleitet).

Die nachfolgende Checkliste versucht auf die besonderen Fragen und Herausforderungen einzugehen, die sich im Umfeld der Neuen Geistlichen Bewegungen immer wieder als diskussionswürdig erwiesen haben.
Ein Blick auf die andere Checkliste (Ordensgemeinschaften) kann gegebenenfalls nützlich sein.


 "Geistlicher Missbrauch
ist der falsche Umgang mit einem Menschen,
der Hilfe, Unterstützung oder geistliche Stärkung braucht,
mit dem Ergebnis, dass dieser betreffende Mensch
in seinem geistlichen Leben geschwächt und behindert wird."
(Aus: Johnson&VanVonderen, Geistlicher Missbrauch - Die zerstörende Kraft der frommen Gewalt, 23)

 

Checkliste

1. Eigene Motivation

Bevor man sich einer Gruppe oder Bewegung anschließt, ist es ratsam, rechtzeitig sowohl sich selbst zu prüfen als auch die Gruppe/Bewegung mit ihren Zielen, Strukturen und Lebensweisen kritisch zu hinterfragen.
Gerade aus einer ersten Begeisterung heraus "übersieht" man Unpassendes oder Fragwürdiges und bemerkt nur das Gute und Schöne. So wichtig, wie die Begeisterung des Anfangs auch ist - soll die "Beziehung" länger halten und vor allem auf einer gesunden, tragfähigen Entscheidung gründen, ist eine wohlwollende und zugleich kritische Prüfung der eigenen Motivation, der offensichtlichen wie verdeckten Wünsche und Gefühle ratsam.
Sinnvollerweise ist es sehr hilfreich, wenn man die Erforschung der eigenen Beweggründe nicht alleine mit sich selbst ausmacht, sondern unbeteiligte Freund*innen oder Fachleute um Rat und Einschätzung bittet:

  • Was finde ich vorbildlich und spricht mich besonders an? Warum?
  • Kenne ich Ähnliches auch von anderen Gemeinschaften oder Bewegungen?
  • Ziehen mich (mehr) die Menschen an oder ist es mehr der Glaube/die Glaubenspraxis, die mich faszinieren?
  • Gibt es besondere emotionale Bindungen zu einer (oder mehreren) Person?
  • Was möchte ich erleben? Was bewirken? Welche ganz persönlichen Ziele habe ich?
  • Welche Wünsche und Sehnsüchte werden von der Bewegung geweckt?
  • Kenne ich meine ganz persönlichen Ängste und Sehnsüchte (z.B. Wunsch nach Nähe - Angst vor dem Alleinsein; Wunsch, Gutes zu tun)
  • Welche Ideale verfolge ich? Sind meine Ideale realistisch? 

Gut ist es, wenn man sich in Abständen diese und andere Fragen stellt und immer wieder prüft, ob man noch auf dem richtigen Weg ist, ob der persönliche Einsatz (Zeit, körperliche Kraft, Gefühle, Geld, ....) immer noch angemessen ist und nachvollziehbar ist.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet.
Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang.
F. Schiller, Das Lied von der Glocke

 

1. Strukturelle Dimension

Neue Geistliche Bewegungen können hinsichtlich Struktur und Ideologie sehr unterschiedlich sein. Bei einigen Gemeinschaften ist eine losere Verbindung normal, andere erwarten eine deutlich engere Einbindung. Forderungen, Zeit und Energie für "die gemeinsame Sache" aufzubringen, können sehr konkret formuliert werden. Meist aber ist es mehr eine selbstverständliche Erwartung, die unterschwellig spürbar ist. Nicht selten fühlt man sich unter Druck gesetzt und stresst sich dadurch selbst noch mehr.

  • Kenne ich die Ziele und die grundlegenden Ideen (Texte) der Gemeinschaft? Habe ich mir dazu eine eigene, kritische Meinung gebildet?
  • Sind mir die Strukturen, die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln bekannt und sind sie für mich nachvollziehbar und einsichtig?
  • Werden kirchliche und gruppenspezifische Regeln nachvollziehbar ausgelegt oder ist eher eine willkürliche Auslegung typisch?
  • Wird ein Sonderwissen behauptet, dass z.B. geheim gehalten werden muss und gegen jegliche Kritik immunisiert wird?
  • Werden der Gründerin/dem Gründer oder sonstigen Verantwortlichen besondere Kräfte, außergewöhnliche Charismen, wirkmächtigeres Gebet oder eine größere Nähe zu Gott zugeschrieben, wovon nur die Mitglieder profitieren können? Gibt es einen auffälligen Personenkult?
  • Einige Gemeinschaften geben sich markante Namen und verwenden starke Begriffe: Was sagen die selbstgewählten Namen und selbstbewussten Bezeichnungen über die Gemeinschaft und ihre Weltanschauung aus? Kann ich das nachvollziehen?
  • Wie kommen Entscheidungen zustande (sowohl jene, die die Gruppe betreffen, als auch jene, die mich persönlich betreffen)?
  • Welche Sanktionsmaßnahmen gibt es und werden z.B. Ausschlussdrohungen ausgesprochen, wenn jemand nicht folgsam genug ist?
  • Gibt es ausdrücklichen Vorgaben, wann und wie oft man sich trifft bzw. wie viel Kraft und Ressourcen man investiert?
  • Bestehen Vorschriften, was man lesen darf, welche Musik man hören darf, ob und wie man das Internet nutzen darf?
  • Welche Erwartungen werden mir unterschwellig vermittelt (von der Leitung oder von anderen Teilnehmer*innen)?
  • Was passiert, wenn ich Erwartungen nicht erfülle oder Forderungen zurückweise?
  • Stichwort Fürsorgepflicht: Begeistert von der Idee, der Gruppe und der Mission verliert man leicht seine eigenen Kräfte aus dem Blick. Haben die Verantwortlichen das Wohl des Einzelnen wie der Gruppe im Blick und sind sie in der Lage, eigene Ideale aufzugeben und die Gesundheit jedes Einzelnen zu schützen?

Hinweis: Am 03. Juni 2021 hat Papst Franziskus ein Generaldekret erlassen, das Regeln für Amtsdauer und Zahl der Leitungsposten in internationalen katholischen Vereinigungen vorgibt. Diese neuen Regeln gelten sowohl im privaten wie im öffentlichen Bereich der Neuen Geistlichen Bewegungen. Laut dem neuen Gesetz sollen Spitzenämter in der Regel alle fünf Jahre neu besetzt werden (vgl. Art. 1). Eine längere Amtszeit kann höchstens zehn Jahre dauern, aber nur unter bestimmten Bedingungen, die das Dekret genau festschreibt.
Das Dekret und die erläuternde Note finden sich hier zum Download (nicht auf deutsch):
1. Generaldekret
2. erläuternde Note

 

„Gewalt macht den Menschen zur Sache.“
Simone Weil 


2. Psycho-soziale Dimension

  • Habe ich ausreichend Zeit für mich oder ist das Konzept so gestaltet, dass ich kaum mehr Zeit für meine (früheren) sozialen Beziehungen und Verpflichtungen habe? Gerade in Gemeinschaften, die von der Wichtigkeit ihrer Sendung überzeugt sind und "entschieden" handeln, droht das Engagement alle übrigen Interessen und sozialen Kontakte in den Hintergrund zu drängen: die "früheren" Freunde sind nicht mehr so wichtig und man hat keine Zeit mehr für die "weniger wichtigen" Themen.
  • Welche Rolle spielt eine eigene Meinung?
  • Gelten eigene Gedanken, Empfindungen, körperliche Reaktionen… als irrelevant für den Glauben? Sollen sie möglichst unterdrückt werden?
  • Ist (konstruktive) Kritik erlaubt? Merke ich, wenn Kritik nur augenscheinlich erlaubt ist, Kritik aber eigentlich als Mangel an Glaube oder Vertrauen geächtet wird?
  • Werden die Lebensgeschichte, biographische Entwicklungen, bestehende Beziehungen und soziale Kontakte wertgeschätzt oder eher entwertet?
  • Wie rigoristisch werden moralische und ethische Themen behandelt? Gibt es Platz für Zwischentöne?
  • Kein Mensch ist vollkommen. Gibt es eine verständnisvolle Fehlertoleranz, die ohne versteckten (spirituellen) Druck auskommt?
  • Wie geht man mit vertraulichen Informationen oder privaten Angelegenheiten um? Ist selbstverständlich, dass man mein Vertrauen nicht (aus)nutzt, um mich zu beeinflussen oder gar zu lenken?
  • Kann ich über meine Zeit frei verfügen und meine sozialen Kontakte unabhängig wählen?
  • Werden das Briefgeheimnis und andere Grundrechte selbstverständlich beachtet?
  • Ist es mir wichtig, zu den richtigen Christen zu gehören, welche die Botschaft Jesu noch ernst nehmen und das ganze Leben danach ausrichten? Warum?

 

Prüft alles und behaltet das Gute!
Paulus, 1 Thess 5,21

3. Spirituell-ideologische (theologische) Dimension

Es kann aufschlussreich sein, einmal die typischen Signalwörter und gängigen Beschreibungen (Adjektive) aufzulisten, die in der Gemeinschaft verwendet werden, um die eigene Gruppe und ihre Glaubenspraxis zu beschreiben im Unterschied zu anderen Christen, zu Kirche, Politik und Gesellschaft.

  • Wie wird argumentiert: Wird mit „Gott“, „Bibel“, "Wahrheit" oder "Kirche" argumentiert und können die Argumente auch noch anders, sachlich-„vernünftig“ begründete werden?
  • Gibt es scheinbare Selbstverständlichkeiten, eigene Gedanken, Empfindungen oder spirituelle Erlebnisse öffentlich zu machen und der Kritik auszusetzen?
  • Welches Gottesbild bestimmt das Denken und Handeln der Gemeinschaft: wie patriarchalisch, apokalyptisch, moralisch ist die Gottesrede?
  • Wie dualistisch sind Lehre und Handlung (Weltbild)? Geht man respektvoll mit Andersdenkenden um (Religionen, Gesellschaft, Politik) oder gibt es ein prinzipielles "Wir" und "die anderen", einen Graben zwischen "der" Gesellschaft und "uns"?
  • Wird eher die christliche Frohbotschaft verkündet (Eu-Angelion) oder schwingt immer und überall eine apokalyptisch anmutende Drohbotschaft mit?
  • Hält sich die Idealisierung der eigenen Gemeinschaft und ihrer religiös-spirituellen Konzepte in Grenzen?
  • Wie exklusiv versteht sich die Gemeinschaft? Im christlichen Kontext ist häufig die Rede von den "wahren Christen", den "Ur-Christen" und man spricht den "Taufscheinchristen" ihr Christsein/Katholischsein ab oder achtet es gering.
  • Stichwort Binnensprache: Gibt es zentrale Begriffe in Leben und Theorie der Gruppe oder Gemeinde, die intern völlig anders verstanden werden, als auch wohlmeinende, theologisch gebildete Außenstehende sie auffassen würden?
  • Welchen Einfluss hat die Bewegung auf mein spirituelles Leben? Wie geht man damit um, wenn ich andere Ansichten oder andere Schwerpunkte setze?
  • Ist das vermittelte Menschenbild eher von positiven, sympathisch-konstruktiven Sichtweisen geprägt oder ist immer nur die Rede vom sündigen Menschen, der dringend der Umkehr und Buße bedarf (weshalb ständig moralische und spirituelle Forderungen drohen)?
  • Werde ich zu einer speziellen Sakramentenpraxis (Form, zeitliche Abfolge,Wahl bestimmter Beichtväter, …) gedrängt?
  • Wurde das Beichtgeheimnis gebrochen?
  • Wurde die Spendung von Sakramenten aus nicht nachvollziehbaren Gründen verweigert?

-----

Je nachdem, ob die Gemeinschaften eher regional tätig sind oder überregional vertreten sind, lohnt ein Blick zum Päpstlichen Rat für die Laien. Auf deren Homepage findet sich eine Liste von Bewegungen, die neben einer bischöflichen Anerkennung auch eine päpstliche Anerkennung haben: https://www.vatican.va/roman_curia/pontifical_councils/laity/documents/rc_pc_laity_doc_20051114_associazioni_en.html (international associations of the faithful). Auch die Diözesen veröffentlichen mittlerweile Listen von Bewegungen und Gruppen, die in deren Region tätig sind und kirchliche Anerkennung genießen.